Peter Köpf

Ist das WOKE oder kann das weg?

Zana Ramadani und Peter Köpf über ihr Buch „WOKE. Wie eine moralisierende Minderheit unsere Demokratie bedroht“ (erscheint Ende September 2023)

Sie beschreiben in Ihrem Buch eine sich radikalisierende linke Bewegung. Wofür steht dabei das Wort WOKE?

Peter Köpf: Menschen, die sich woke nennen, halten sich für erwacht, aufgewacht, aufgeweckt, um nicht zu sagen: erleuchtet – jedenfalls für wissend. Sie glauben, gegen Rassismus und Sexismus, für das Klima und für die Rechte von allerlei Minderheiten zu kämpfen, die sie für benachteiligt halten.

Das haben zwar schon Generationen vor ihnen getan, sich in die Debatte eingeschaltet und auf „Latschdemos“ engagiert. Aber das reicht den Woken nicht mehr, die behaupten, „die Dinge zu sehen“, und die Blinden, die Nicht-Woken und die Andersdenkenden als Ewiggestrige diffamieren, als Rassisten, Rechte, Nazis. Das größte Feindbild ist das der „alten weißen Männer“, die für alle Probleme der Welt verantwortlich gemacht werden.

Zana Ramadani: Das Feindbild ist aber längst nicht mehr der alte weiße Mann allein, mitgemeint ist auch die alte weiße Frau. Ur-Feministinnen wie Alice Schwarzer und lesbische Frauen müssen sich gegen die Gemeinde der alternativen Gender und Neu-Woken wehren. Bei Parteitagen von Grünen und SPD hieß es bereits: „TERFs haben keinen Platz in unserer Partei!“

Peter Köpf: Deshalb haben wir zusammengefunden: eine muslimisch-migrantische Feministin und Mitgründerin von Femen und ein alter, weißer Journalist und Arbeitersohn.

Zana Ramadani: Ja, und wir könnten weitere „Identitäten“ in unseren Club einladen: Schwule, die Männer des gleichen, biologisch nachvollziehbaren Geschlechts begehren, sehen sich genötigt, neue Vereine zu gründen, die sich ausschließlich für die Belange und Rechte von schwulen Männern einsetzen. Weg von LGBTQ+, hin zu einem Fokus auf die Belange, die Homosexuelle bewegen. Bald werden sich weitere Teile des sogenannten Regenbogens bekämpfen. Überall tun sich wegen der Radikalität der Neu-Woken Risse auf. Spaltungen werden die Folge sein.

Warum sind die Anhänger der WOKE-Bewegung aus Ihrer Sicht eine Gefahr für unsere Demokratie?

Peter Köpf: Weil sie mit den Sprachmanipulationen, den Rassismus- und Suprematismusvorwürfen gegen alle Weißen, mit ihrem ewiger Opferlamento, ihrer identitären Ichbezogenheit, ihrer Schutzbedürftigkeit und ihrer Obsession ums Geschlecht, um Sex und Gender, den Bogen mächtig überspannen. Ein großer Teil der Gesellschaft fühlt sich überfordert und abgestoßen.

Zana Ramadani: Das Problem ist nicht, dass junge Menschen in einer besseren Welt leben wollen und dafür ihre Regeln schaffen. Das gab es immer, und das ist gut so. Das Problem ist, dass es eine Minderheit aus jugendlichen Heißspornen gibt, die von bereitwilligen Taktgebern und Vollstreckern in leitenden Positionen in Staat, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und Parteien – darunter auch Teile der CDU – unterstützt werden. Das sind die, die nicht diskutieren wollen, sondern diktieren, exekutieren. Neben den Rechtspopulisten, Rechtsradikalen und den selbsternannten Querdenkern sind die Neu-Woken eine neue Risikogruppe für die Demokratie, die sie längst unterwandert haben.

Peter Köpf: Die Woken und ihre willigen Vollstrecker sind dabei, die Regeln in Politik und Medien, in Forschung und Lehre, in Verwaltung und Verbänden, in Kunst und Kultur mittels Leitlinien und Verhaltensregeln durchzusetzen. Diese laute, ungeduldige, kompromiss- und skrupellose Minderheit will der Mehrheit ihre Regeln aufzwingen. Ohne demokratische Legitimation. In der Bevölkerung gibt es dafür keine Mehrheit. Es beginnt beim sogenannten Gendern und endet noch lange nicht beim allgegenwärtigen Siegeszug der Identitätspolitik bis hinein in die Wissenschaftsförderung.

Zana Ramadani: Es geht den Neu-Woken darum, diejenigen, die sich gegen diesen Woke-Marsch durch die Institutionen wehren, abzusetzen und auszutauschen. Und es geht natürlich um Rechte – weniger um Pflichten –, Status, Mitsprache und Einfluss und nicht zuletzt Einkommen. Die Mehrheit schaut schweigend zu. Weil ihnen die moralisierende Minderheit allerlei Fehlverhalten vorhält, von Sexismus bis Rassismus, auch der Nationalsozialismus und der Kolonialismus werden in Stellung gebracht. Wer nicht auf Neu-Woke-Linie ist, muss damit rechnen, als Ewiggestriger, Rassist, Nazi an die zahlreichen Pranger gestellt zu werden. Geächtet und bedroht zu werden. Den Job zu verlieren, psychischer und physischer Gewalt ausgesetzt zu sein.

Peter Köpf: Gegen die angeblich diskriminierende Klasse scheint alles erlaubt zu sein. Die Woken behaupten, für Diversität und Inklusion einzustehen, aber sie exkludieren, sie schließen aus – alle Andersdenkenden. Auch wenn Adrian Daub es bestreitet und von einer „moralischen Panik“ spricht: Cancel Culture ist real. Die Woken bedrohen unsere Freiheit.

Die Menschen, die Sie der WOKE-Bewegung zurechnen, kämpfen gegen Sexismus, Rassismus oder den Klimawandel. Ist das nicht eine gute Sache?

Zana Ramadani: Wer ist denn für Sexismus, Rassismus und Klimawandel?! Es kommt doch darauf an, wie Menschen kämpfen. Neu-Woke ist radikal, hat einen absolutistischen Anspruch. Wir wollen aber keine Diktatur, in der ein Mensch oder eine kleine Gruppe verordnet, wie wir alle zu leben haben. Schon gar nicht darf das mittels moralischem Druck, Hass und Drohungen, Stigmatisierung Andersdenkender und Gewalt durchgesetzt werden.

Sie stellen in Ihrem Buch die These auf, dass sich immer mehr Menschen von den Institutionen des Staats abwenden? Woran machen Sie das fest? Und wie wäre das zu verhindern?

Peter Köpf: Nicht nur von den Institutionen des Staats. Das gilt auch für Medien, wenn Aktivismus als Journalismus daherkommt und eine „Omnipräsenz von queeren Themen beim ÖRR“ und eine „Spaltung zwischen Trans und Nichttrans“ festzustellen ist, wie es ein Schwulenvertreter nennt. Das gilt auch für die Hochschulen und Forschungsförderung, wenn Aktivismus mit Wissenschaft verwechselt wird; und in Parteien, wenn der Eindruck entsteht, dass sie sich mutlos dem Druck der Woken unterwerfen und – insbesondere die SPD – in ihrem Kulturkampf ihre eigene Klientel vergessen.

Zana Ramadani: Wenn der Staat weiter auf die lauten Minderheiten hört, wenn das Publikum sich von den Institutionen nicht mehr vertreten fühlt, wird es sich abwenden. Das Unverständnis der Menschen wird zu Trotz führen, zu Protestwahlen, die nur den Rechten nutzen. Unsere Demokratie steht infrage, wenn der Bogen der Bevormundung überspannt wird, wenn nichts mehr bleibt als schwarz und weiß und die Frage: Bist du mit uns oder gegen uns?

Peter Köpf: Was in den USA bereits geschehen zu sein scheint – eine tiefe politisch-kulturelle Spaltung –, kann auch mitten in Europa kommen, wenn die köpfestarke Mitte nicht auch ihre Laustärke gebraucht und sich einer identitären, vielfach zersplitterten und doch einig agierenden Klientelklasse widersetzt. Wenn die westliche, bisher liberale und demokratische Gesellschaft nicht in Stücke brechen soll, wäre es eine gute Übung, wieder miteinander und ohne Schaum vor dem Mund zu reden. Wir müssen wieder über Argumente reden statt über Haltungen zu zanken.

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