British Democracy? My Cup of Tea!

Essen und Demokratie in Großbritannien: Nicht zu unterschätzen!

To be in, or not to be, this is the question!

Das „Ende der Demokratie“, „Verfassungsfrevel“, „Diktator“ – hört man den Blätterwald rauschen, hat für die Demokratie Großbritanniens längst das Totenglöckchen geläutet. Und natürlich kann das auch noch passieren, denn nicht zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte wären demokratische Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse Steigbügelhalter von Diktaturen. Doch erstens glaube ich in diesem speziellen Fall nicht daran und zweitens werde ich dem politischen Systems der Inseleuropäer auf ewig dankbar sein für das kostbare Geschenk der vergangenen Monate und Jahre. Nie zuvor wurden auch politische Außenseiter Zeugen eines dermaßen vielschichtigen, lebendigen, widersprüchlichen und in Summe eben transparenten Bildes politischer Willensbildung, Entscheidungsfindung und institutioneller Kontrolle.

Alternativlose Langweile

Von den One-Man-Shows Ungarns, der USA und Brasiliens oder den staatskapitalistischen Systemen Russlands oder Chinas muss naturgemäß gar nicht reden, wer auf der Suche nach politischer Transparenz ist. Aber auch das parlamentarische Ausschuss-Eldorado Deutschland hat in dieser Hinsicht so gut wie nichts zu bieten. Erstens ist Politik hierzulande sterbenslangweilig ­­– die Political Correctness scheint nachgerade eine deutsche Erfindung zu sein – und zweitens werden politische Entscheidungen als alternativloses Ergebnis von Verwaltungserfordernissen deklariert und abgenickt. Es gibt oder, korrekterweise, gäbe hierzulande natürlich eine Opposition, aber die sitzt ja nun seit einer Ewigkeit still und stumm vor sich hinschrumpfend als werdende Splitterpartei in der Großen Koalition. Und die echten Oppositionsparteien sind entweder beckmesserisch oder desavouiert oder profillos und in jedem Fall weitgehend hilf- und machtlos. Außer ein bisschen Säbelgerassel und Kettengeklingel nichts gewesen und zu erwarten.

Der Kuss der Spinnenfrau

Welch grandioses Schauspiel ist dagegen die Gegenwartspolitik in England, Schottland, Wales und Co., und das meine ich in keiner Weise ironisch. Aufgeführt wird ein Lehrstück in Pluralismus, Debattenkultur, Interesse, Macht und Kontrolle, das jede Netflix-Serie in den Schatten stellt und längst zum Pflichtprogramm deutscher Mittel- und Oberstufler geworden sein sollte. Denn das ist nicht nur richtig unterhaltsam – sogar für Kontinentaleuropäer, die bei Weitem nicht jedes Wort, jeden Witz und jede Spitzfindigkeit verstehen –, sondern hier geht es richtig um was: Wohl und Weh eines ganzen Landes und Volkes. Es fallen Begriffe wie Bürgerkrieg (Nordirland) oder Sezession (Schottland), langgediente demokratische Parteigenossen werden handstreichartig ausgeschlossen oder laufen über. Und wenn vom mephistophelisch ferngesteuerten Blondschopf alle kaltgestellt scheinen, greift die Spinnenfrau ein und stellt alles zurück auf Los! Dagegen spielen Ausländermaut, BER und fluguntaugliche Regierungsmaschinen allenfalls in der Regionalliga.

Ich habe England nie geliebt, aber ich bin drauf und dran, mich zu verlieben, und mehr als nur bereit für die nächste und übernächste und überübernächste Staffel von „To be in, or not to be, that is the question“!